MACBETH, GEDANKEN

„Es reicht wenn man Kabul betrachtet. Von all dem, was meine Reiseführer beschreiben, sind nur noch Ruinen vorhanden….Man fühlt sich an die Türmchen und Ruinen der Sandburgen erinnert, die Kinder am Strand bauen, nur um sie sogleich wieder von den Wellen weggeschwemmt zu sehen…Viele Bauwerke sind vollkommen von der Bildfläche verschwunden…. Wie man es nimmt, Kabul ist keine Stadt mehr, sondern nur mehr ein gewaltiger Termitenhügel, in dem die unglückliche Menschheit herumwimmelt. Ein riesiger, staubiger Friedhof. Alles hier ist Staub, so dass sich mir immer stärker der Eindruck aufdrängt, dass dieser Staub, der mir ständig die Hände schwarz färbt, die Nase verstopft, in die Lunge dringt, dass dieser Staub alles ist, was von den Händen, den Königspalästen, Häusern, Parks, Blüten und Bäumen, die aus diesem Tal einst ein Paradies gemacht haben, noch geblieben ist…Einmal, zweimal und schließlich immer und immer wieder ging das Paradies nur aus einem einzigen Grund verloren: Krieg.“
(„Briefe gegen den Krieg“, Tiziano Terzani)

Atemberaubende Bauwerke wurden geschaffen, Städte errichtet. Doch genauso begierig wie die künstlerische Kreativität des Menschen scheint auch stets seine Zerstörungswut. Mit der einen Hand baut er auf, mit der anderen vernichtet er. Voller Fantasie ruft er die bezauberndsten Dinge ins Leben, nur um dann mit derselben Raffinesse und Leidenschaft alles dem Erdboden gleich zu machen, seine Mitmenschen zu massakrieren und nach sich eine Sintflut hereinbrechen zu lassen.

Licht und Dunkelheit! Beides Teile unserer Erde. Eine Spannung von Gegensätzen: eine Auseinandersetzung zwischen kosmischer Ordnung und den unablässig drängenden zerstörerischen Dämonen, die nicht nur in einem Menschen Übermacht gewinnen können.

In „Macbeth“ wird diese Auseinandersetzung von Gut und Böse durch die verführerische und mystische Welt der Zwischenwesen verdeutlicht dargestellt.
Hekate, die Göttin der Unterwelt, Göttin der dunklen Mondphase, ist die große Herrin der „magischen Eigenschaften“, sie war die Herrscherin über die Nacht und die Dunkelheit.
Zusammen mit den Göttinnen Artemis und Demeter (Auch als Gaia = Erde und Selene bekannt) bildete sie eine Einheit, deren verschiedene Aspekte verschiedenen Persönlichkeiten zugeordnet wurden: Urwesen der Mutter Erde, der „Allernährerin“ und Herrscherin über Geburt und Tod.
Bei Shakespeare leitet Hekate ihre Hexen selbst an, Banco und Macbeth in Versuchung zu führen. Licht und Dunkel kämpfen in den beiden Feldherren und Macbeth öffnet sich für die Seite, die mehr Macht in ihm erlangt.
Hekate galt auch als Schutzpatronin der Hebammen. Kinderlose Frauen baten sie oft in  Hexenzirkeln um Hilfe.  
Aus diesem Grund war Lady Macbeth Hekate nicht fremd. Der Druck einen Erben gebären zu müssen, lastete schwer auf ihr.

Shakespeares und auch Verdis „Macbeth“ beginnen noch im letzten aufgewirbelten Staub eines grausamen Krieges. Die beiden Feldherrn Macbeth und Banco haben gewonnen, die Feinde sind geschlagen und werden wohl bald als Helden gefeiert werden. Aber was lassen sie zurück? Bei Shakespeare kann man es nur erahnen:

„…Und das Glück, dem scheußlichen Gemetzel lächelnd,
schien des Rebellen Hure; doch umsonst,
Denn Held Macbeth – wohl ziemt ihm dieser Name -
Das Glück verachtend mit geschwungnem Stahl,
der heiß von Blut und Niederlage dampfte,
Er, wie des Krieges Liebling, haut sich Bahn,
Bis er dem Schurken gegenübersteht;
Und nicht eh´schied noch sagt`er Lebewohl,
Bis er vom Nabel auf zum Kinn ihn schlitzte
Und seinen Kopf gepflanzt auf unsre Zinnen….“
(Krieger, 1.Aufzug, 1.Szene)

Zerstörung, Verwüstung bleibt zurück. Unendlicher Schmerz durch Verlust und Tod. Kriegsverletzungen und nicht nur die, welche das Auge wahrnimmt, die einem ein Bild des Grauens eröffnen. Nein, auch die Verletzungen die im Inneren eines Menschen geschehen, die zurückgelassenen Horrorbilder, die sich nun in die Seele fressen und vor denen es kein Entrinnen zu geben scheint.
Was wird aus diesen nicht verarbeiteten Eindrücken. Hilfsgüter helfen gegen Hunger und dienen dem körperlichen Überleben. Aber wohin mit der Qual, der Angst, den Vorwürfen, der Wut, dem Entsetzen? Die Bilder beginnen zu wachsen, sich zu formen, in immer wiederkehrenden Schreckensvisionen zum wahren Alptraum zu werden und irgendwann einmal, wenn sie keine Hilfe, keinen „Ausgang“ gefunden haben, zu explodieren.
Gerade Kinder, die in Situationen geraten, in denen sie einen beunruhigenden Umstand, eine seelische Verletzung nicht mehr verarbeiten können, sind nicht in der Lage darüber zu sprechen, weil ihnen in den meisten Fällen ein Ansprechpartner fehlt. Sie flüchten in einen Bereich, in dem sie genügend Kraft besitzen, um andere Menschen, die sie demütigen und schlagen, selbst zu vernichten. Sie flüchten in eine Welt der Phantasie, in Gewaltphantasien, die schreckliche Wirklichkeit werden können.
(Ein aktuelles Thema: Killerspiele im Computer unterstützen diese Brücke zwischen Traum und Realität.)

„Introvertiertheit. Mangel an Fähigkeit und Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Vereinsamt in relativ früher Kindheit. Wenn man sich die Biographien all dieser Personen ansieht, die Verbrechen in einer ähnlichen Art und Weise begangen haben, finden wir immer wieder Parallelen. Es sind Menschen, die zurückreichend bis ins 6.,7., 8. Lebensjahr in Situationen hineingeraten, in denen sie offensichtlich mit Belastungen nicht mehr zurechtkommen. Sie haben niemand mit dem sie darüber sprechen können. Sie vereinsamen. Sie streunen durch die Gegend, graben Löcher in den Garten und haben keinen Ansprechpartner mehr. Aber gleichzeitig sind es Situationen, die sie belasten, die sie bedrücken. Und sie haben keine andere Möglichkeit, als sich in einen Bereich vorzuwagen, in dem sie plötzlich mächtig und groß werden in der Phantasie, ja, in Gewaltphantasien. Wenn sie die Augen schließen, werden sie plötzlich mächtig. Sie können die Mitschüler und den Lehrer demütigen, weil sie selbst die Gedemütigten sind. Gewalttätige Handlungen aus Film, Rundfunk, und Fernsehen werden in diese gewalttätigen Phantasien eingebaut. Sie vergrößern sich, wie ein „ausdehnendes Universum“
(„Bestie Mensch, Tarnung, Lüge, Strategie“, Thomas Müller)

Kehren wir zurück zu „Macbeth“: Ein Kriegsschauplatz! Wir beginnen mit zwei Kindern, einem Mädchen und einem Jungen, welche zumindest körperlich überlebt haben. Sie spielen mit dem wenigen, das ihnen geblieben ist. Doch der Neid anderer bleibt nicht aus. Durch die Besitzgier kommt es zu einem Kampf. Auf Krieg folgt Krieg, diesmal unter Kindern. Wieder wurde zuvor gerettet, aufgebaut was in Folge wieder zerstört wird. Das Mädchen besaß eine Puppe. In ihrer Verlassenheit und Einsamkeit wurde diese für sie zu einem wertvollen, kindähnlichen Gefährten. Die Puppe wird zerrissen, sie selbst schwer verletzt.
Sie versucht mit letzter Kraft die Puppe zu heilen, zu reparieren, doch dann bricht sie zusammen, die Welt beginnt sich zu drehen. Bilder, Visionen entstehen, die Puppe wird plötzlich Wirklichkeit. Bilder aus der Tiefe ihrer Seele werden wach, vereinen Ängste, Schreckensvisionen, Machtkämpfe. Eine neue Welt scheint sich um sie herum zu eröffnen:
Sie selbst ist die Puppe, sie besitzt ungeahnte Kräfte, die ihr nie zuvor bewusst waren. Sie hat Macht zu verführen, zu dirigieren und anzuführen. Die Zwischenwelt, die für den Menschen meist unsichtbar bleibt, hat sie als Führerin angenommen.
In ihrem Traum ist sie nicht nur die Puppe, die oberste Hexe. Sie erlebt sich gleichzeitig als erwachsene Frau, der Macht über alles geht. Sie ist Lady Macbeth.
Die Puppe ist das Bindeglied zwischen dem Mädchen und Lady Macbeth.

Das Dämonische der Puppe wird im Laufe des Stückes mehr und mehr von Lady Macbeth Besitz ergreifen.
Die Prophezeiung der Hexen hat in dieser ungeahnte Möglichkeiten wachgerufen. Ihr Versagen, Kinder in die Welt zu setzen, lastet schwer auf ihr. Der Drang nach Wertschätzung wurde immer wieder durch Fehl- und Todgeburten zunichte gemacht. Nun drängt sie Macbeth in die Rolle des Kindes, um das zu erreichen, was ihr Zeit ihres Lebens versagt blieb: Anerkennung und Bewunderung.  Die Krone zu erlangen bedeutet für sie, sich über andere zu erheben und einen Stellenwert einzunehmen, der ihr Versagen übertüncht.

„Otto Kernberg, ein berühmter österreichischer Psychoanalytiker, hat einmal den Begriff des Malignen Narzissten geschaffen. Narzisstisch sind wir alle irgendwie. Wir versuchen unsere Persönlichkeit dadurch zu erhöhen, indem wir Handlungen setzen, die von anderen anerkannt werden. Der eine kleidet sich besonders schön, der Zweite möchte ein Gutachten besonders umfangreich und ausführlich schreiben, und der Dritte versucht seine Aufgabe besonders fehlerlos zu Ende zu bringen. Wir setzen Handlungen, um uns zu erhöhen, ohne dabei einen anderen zu verletzten. Ein maligner Narzisst ist aber jemand, der sich selbst erhöhen kann, aber um den gleichen Effekt zu erzielen, eben höher zu erscheinen, vernichtet und demütigt er alle anderen.“
(„Bestie Mensch, Tarnung, Lüge, Strategie“, Thomas Müller)

Lady Macbeth scheint ein solcher maligner Narzisst. Dazu braucht sie Macbeth, den sie wie eine Marionette formt, um zu erreichen, wovon sie zu träumen glaubt.
„…Auf dass ich meinen Mut ins Ohr dir gieße,
Und alles weg mit tapfrer Zunge geißle
Was von dem goldnen Zirkel dich zurückdrängt,
Womit Verhängnis dich und Zaubermacht
Im Voraus schon gekrönt zu haben scheint… “
(Lady Macbeth, 1.Aufzug, 5.Szene)

Ihre unglaubliche Intelligenz gibt ihr die Fähigkeit zu manipulieren, zu antizipieren und Macbeth so weit zu treiben, dass er Handlungen begeht, die er eigentlich nie begehen wollte.
Sie beginnt einen Krieg, ohne selbst die Waffe in die Hand zu nehmen, sie fordert auf zu töten, ohne jemals selbst das Blut des Opfers zu vergießen.

Die Schreckensbilder der Kindheit werden im Traum verarbeitet. Den Schatten der Seele drückt die Puppe aus. Realität und Illusion liegen nah beieinander, die Übergänge sind kaum noch auszumachen.

„..Die Beschäftigung mit der Schuld war eine zentrale Frage, denn wir erkannten, dass wir in den Dutzenden, Hunderten, ja Tausenden Einzelgesprächen mit Menschen, die andere vergewaltigt, und gequält, umgebracht, beraubt, bestohlen und gedemütigt hatten, kaum jemanden trafen, der aus seiner Sicht schuldig war. Es war immer ein Schicksal. Es war ein Verhalten des Opfers. Es waren außergewöhnliche Lebensumstände…“
(„Bestie Mensch, Tarnung, Lüge, Strategie“, Thomas Müller)

Dunkles zieht Dunkles an. So weilen die Dämonen an einem Ort des Grauens. Macbeth, wie auch Banco überqueren das Feld der Kriegsgräuel, welches mit Verzweiflung, Wut, Hass, Gier und Grausamkeit durchtränkt ist. Die Welt der Unsichtbaren wird ihnen nur zum Teil gezeigt. Was sich ihnen eröffnet ist der Spiegel ihrer geheimen Wünsche.
Die Versuchung des Bösen fordert den Gegenschlag des Guten heraus. Doch Macbeth, als Krieger auf dem Schlachtfeld ein Held, im Privaten aber unschlüssig und labil, widersteht der Versuchung nicht. Seine ihm bis dahin unbewussten Gedanken der Machtgier werden durch die Geisterwelt ans Tageslicht befördert und von seiner infertilen Frau und deren Seelenbildern genährt.

Hoffend auf einen fruchtbaren Prozess seiner Wünsche begibt er sich völlig in die Abhängigkeit der dunklen Schatten. Doch auch hier folgt nur Unfruchtbarkeit. Das „erwünschte Kind“ wird nicht geboren. Im Gegenteil: völlig berauscht von dem Gedanken an Macht erkennt er die Doppelseitigkeit der Prophezeiungen nicht. Er sieht nur das, was er sehen möchte, so dass er, kaum hat er sich für Mord entschieden, den Boden unter seinen Füssen verliert. Die dämonischen Wesen erhalten Zugang zu seinem Heim und zu seiner Seele. Der Kampf von Dunkelheit und Licht wird in seinem Innersten fortgesetzt und ausgetragen, schlaflos irrt er zwischen den Welten umher. Die Sehnsucht nach Frieden und Glücksgefühlen lässt ihn von einer Tat in die Nächste straucheln
 „Banco wird Vater von Königen!“ Dieser Satz reißt die Wunden, keinen Erben an seiner Seite zu wissen, immer wieder auf. Durch nichts lässt sich die Voraussage ausradieren. Das Licht schwindet, die Beziehung, die Liebe weicht einer eiskalten Einsamkeit.

 Die Welt um Lady Macbeth beginnt sich zu drehen, der dämonische Motor lässt sich nicht mehr stoppen. Ihre Urängste und Unzulänglichkeiten haben sich nicht durch den Besitz von  Macht auflösen können. Im Gegenteil, sie werden immer drohender und zerstören sie schließlich. Sie wird zum Schatten ihrer selbst. Doch auch mit ihren letzten menschlichen Kräften und völlig umnebelt spornt sie noch immer ihren Gatten an:

„…Du zitterst? ... Wagst nicht einzutreten?
Ein Soldat und so feige?
Oh Schande! ... Auf beeile Dich! ...“
(Lady Macbeth, Verdi)

Dem Zusammenbruch folgt das Erwachen. Die Helligkeit, nie wirklich vertrieben, setzt sich letztendlich durch. Gefühle und Wünsche der Menschen haben die Welt der Schatten wieder gewandelt. Die Dämonen scheinen besiegt.
Ist und war dies alles nur ein Alptraum oder doch bittere Realität?

„Wenn man lange genug in einen Abgrund hineinblickt, muss man vorsichtig sein, dass der Abgrund nicht irgendwann einmal in einen selbst hineinblickt.“
(Friedrich Nietzsche)