ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL                                                english
 

 „ Man kann auf die Dauer nicht miteinander leben, wenn man nichts voneinander weiß.“ (Roman Herzog)
Welche geistigen, spirituellen und kulturellen Wege führen zueinander? Heute werden wir immer mehr durch die Verhältnisse einer anderen Welt als der unseren konfrontiert. Wie gehen wir damit um? Ist es nicht Pflicht, unseren Blick zu verändern und unsere kulturelle Wahrnehmung zu vertiefen?

„Die genannten Ereignisse (11.September) haben in der Tat eine völlig neue Welle der negativen Beschäftigung mit dem Islam ausgelöst...Trotzdem und gerade deshalb müssen wir weiter versuchen, ein besseres Verhältnis für den  Islam und für die islamische Kultur in ihrer besten Form zu finden, ebenso wie unsere muslimischen Freunde in Ägypten oder Saudi – Arabien auch offen sein müssen für das, was wir an großer Kultur zu bieten haben....Wir leben doch auf der selben Erde und müssen uns gegenseitig schätzen und voneinander wissen. Sonst geht die Kultur zugrunde, in Hass und in Hässlichkeit.“
(Annemarie Schimmel: „Auf den Spuren der Muslime, Mein Leben zwischen den Kulturen“)

Was wissen Belmonte und seine Freunde von der Lebensweise und dem Glauben des Landes, das sie bereisen? Wieviele Mißverständnisse kommen auf, durch andersartige Denkweise und unterschiedliche Traditionen, die man nicht beachtet und vielleicht auch mißachtet. Sie sind in einem fremden Land und glauben dennoch, ihr eigener Lebensstil sei tonangebend. Das kann fatle Folgen haben.

In dieser Inszenierung geht es nicht darum, eine Aufklärung über den Islam zu starten. Und es geht auch nicht darum, die Ereignisse des 11. September oder Madrid in den Vordergrund zu holen. Ich möchte das Stück in keinster Weise auf den Kopf stellen. Hier geht es um Toleranz zwischen den Menschen. Es beginnt schon im Verhältnis Mann und Frau und weitet sich in ein Verständnis für die gesamte Menschheit aus.

Das Symbol des Dreiecks  (Bühnenbild) steht in seiner Geschlossenheit und Einheit für Harmonie und Frieden.
Der fünfarmige Stern, das Pentagramm, war das Emblem der Pythagoräer und symbolisiert die menschliche Figur mit gespreizten Gliedern. Seine Zahl sind die vier Elemente plus die menschliche Seele in der Mitte. Pythagoras deutet das Dreieck als „Anfang der Entstehung“.
Auch das ursprünglich hebräische Symbol, das sechsseitige „Siegel Salomons“ oder der „Davidstern“, besteht aus zwei sich überschneidenden gleichseitigen Dreiecken in einem Sechseck, das unter anderem Darstellungen der vier Elemente enthält. Das nach oben weisende Dreieck steht für den Aufstieg des Geistes und für die Elemente Feuer und Luft, das nach unten Weisende für den Abstieg der Materie und die Elemente Erde und Wasser.
In ähnlicher Weise bedeutet das Doppeldreieck des Hermetismus das Ineinander von Makrokosmos und Mikrokosmos.

Die Stellung der Drei hat in der gesamten Religionsgeschichte zur Annahme zahlreicher trinitarischer oder auch dreigestaltiger Gottheiten geführt.
Wenn das Dreieck und die Dreizahl in christlicher Mystik und Magie immer eine gewisse Beziehung zur Trinität hat, so kann dennoch die Drei dämonisch werden; denn der Satan ahmt gelegentlich die Trinität nach.
Selbst in den absoluten Monotheismus des Islam sind Triaden eingedrungen – die schiitische Erweiterung des Glaubensbekenntnisses „es gibt keinen Gott außer Gott, Muhammad ist der Gesandte Gottes, Ali ist der Freund Gottes“ führte zu unzähligen dekorativen Verwendungen der Dreiheit Gott – Muhammad –Ali, und in einigen extrem schiitischen Gruppen werden selbst Muhammad, Ali und der Perser Salam triadisch zusammengefaßt. Die Sufis, die den Pfad in „Gesetz“, „Mythischer Pfad“, und „Realität“ einteilen, stehen ihren christlichen Kollegen gleich, die von der via purgativa (Weg der Reinigung), der via contemplativa (Weg der Besinnung) und via illuminativa (Weg der Erleuchtung) sprechen.

So ist das Dreieck hier verbindendes Symbol aller Völker und Kulturen, Symbol der menschlichen Seele, der Harmonie, der Einheit, der frei fließenden allumfassenden Liebe.
Doch wenn diese Harmonie zerstört wird (das Satanische ist, wie wir wissen immer vorhanden), entsteht Vernichtung und Krieg.
Schon im Kleinen stehen sich Mann und Frau gegenüber und kämpfen mit Eifersucht, Besitztum, Intoleranz, Unverständnis, Aggressionen. Woher dann auch noch die Toleranz für ein anderes Volk nehmen, für eine andere Kultur? Man möchte Klarheit, Gerechtigkeit für sich selbst, man möchte besitzen, festhalten. Man kämpft, man trickst und versucht auf jegliche Weise die Welt zu seinem eigenen Besten zu wenden.

Wer kann dem Einhalt gebieten, bevor alles in einem unendlichen Chaos endet? Hier in diesem Stück ist es Bassa Selim. Auch er ist getrieben und hin und hergerissen in dem Weltenlauf. Er möchte besitzen, festhalten. Er hätte die Macht. Sein Einfluß könnte zerstören, ihm das nötige Recht verschaffen. Doch was ist das für ein erkauftes und erzwungenes Besitztum? Er hadert mit Herz und Verstand, doch letztendlich siegt das Wissen um die wahre Liebe. Er läßt Konstanze frei. Er gibt ihr die Freiheit und auch das Glück, nach dem sie sich sehnt. Er könnte es zerstören, er könnte Rache nehmen an alten Greueltaten und doch tut er es nicht.

Seine inneren Kämpfe werden verdeutlicht durch die Gedichte Dschalaluddin Rumis (1207 – 1273), der einer der bedeutendsten islamischen Mystiker und einer der größten Meister der persischen Lyrik ist. Die Gedichte handeln von der tiefen Liebe und der Sehnsucht zur mystischen Vereinigung mit dem Geliebten.

Bassa findet zur eigenen inneren Harmonie zurück, zur wirklichen Liebe, die kein Besitzdenken kennt und kann sie an die anderen weitergeben. Im Gegensatz dazu verharrt Osmin in seiner Verbohrtheit und bringt somit das Weltbild wieder ins Wanken.

 „...Aus all dem können wir lernen: es gibt auf Erden zwei Menschenrassen, aber auch nur diese beiden: die „Rasse“ der anständigen Menschen und die der unanständigen Menschen. Und beide „Rassen“ sind allgemein verbreitet: in alle Gruppen dringen sie ein und sickern sie durch; keine Gruppe besteht ausschließlich aus anständigen und ausschließlich aus unanständigen Menschen, in diesem Sinne ist also keine Gruppe „rassenrein“...
(Viktor E. Frankl: „...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“)

Bassa schafft eine Brücke zwischen den Kulturen, eine Einheit. Er setzt sich über veraltetes Machtdenken hinweg und erreicht somit sein Gegenüber. Der „Krieg“ wurde im letzten Augenblick in „Frieden“ umgewandelt. Kann er dauerhaft sein?

Ja, verbreitet diese Worte.
Frauen sollen ihre Kinder mit Hass auf Krieg gebären.
Die Welt ist zerstört durch die Hände von Helden.
Es ist an uns, sie erneut zu errichten!
Spielt Lieder der Freude, spielt Lieder der Trauer.
Soweit das Auge reicht, zerstörte Welt.
Gesegnet seien jene, die sie wieder aufbauen werden.
Gesegnet jene, die eine blühende Welt bringen werden!

BAHRAM BEYZAIE
Schriftsteller, Filmemacher
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

".....Zu Beginn der Ouvertüre erscheinen Mann und Frau in angedeutet ursprünglicher Nacktheit auf der Bühne, sie umarmen sic, bis eine plötzliche Anwandlung von Eifersucht und Habgier sie auseinander reißt. Den Höhepunk des Zwistes bildet das gleichzeitige Ergreifen der über ihnen erscheinenden Weltkugel, die daraufhin zerplatzt; im selben Moment zerspringt das vordere Dreieck....." (www.klassik-heute.com)