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TOSCA

 

„Das Drama stellt uns eine ganz andere Aufgabe als La Boheme. Die Stimmung der Tosca ist nicht romantisch und lyrisch, sondern leidenschaftlich, qualvoll und düster. Hier haben wir es nicht nur mit liebenswürdigen, guten Menschen zu tun, sondern auch mit abgefeimten Schurken wie Scarpia und Spoletta. Und unsere Helden werden diesmal nicht weichherzig sein wie Rudolfo und Mimi, sondern entschlossen und tapfer...Mit einem Wort, wir brauchen hier einen anderen Stil. Mit La Boheme wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollen wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“

(Puccini in einem Brief an Giacosa)

 

Ein Konfliktstoff zwischen brutal ausgespielter Staatsmacht und dem naiven Glauben an eine Scheinwelt.
Die Personen sind gefangen in einem Netz, welches sich über Jahre ausgeweitet und erstreckt hat. Die Spinne lauert hinter jeder Fassade, das Opfer kann nicht ausweichen und wird bei der geringsten falschen Bewegung niedergestreckt.

 

Wir befinden uns um 1800. In Koalitionskriegen muss sich die junge französische Republik der heftigen Angriffe der alten europäischen Königreiche erwehren. Napoleon Bonaparte ist Symbol der jungen Republik. Die Italiener stehen zu Frankreich, denn es bietet gegenüber Österreich Garantie für die Erringung der nationalen Freiheit. Nur die Bauern, von Adel und Klerus aufgeputscht, kämpfen erbittert gegen die Franzosen.

Napoleons verbissenste Gegnerin ist Maria Carolina, Tochter von Maria Theresia und Gattin des schwächlichen Ferdinand IV. Ihr Kampf gilt nicht nur dem militärischen Gegner. Alles was sich an republikanischer Begeisterung, an Voltaire – Geist in ihren italienischen Untertanen regt, wird von ihr gnadenlos unterdrückt.

Sie wird gezwungen, mit dem Hofstaat nach Sizilien zu fliehen. Doch dann fällt 1799 Rom nach schweren Kämpfen in die Hände der königlich- neapolitanischen Truppen zurück. Carolina kehrt zurück und rechnet ab. Es beginnt wie üblich eine grausame „Säuberung“, die Jagd auf „Verräter“ und „Kollaborateure“. Zehntausende schmachten ohne Urteilsspruch in den Kerkern. Tausende werden nach schrecklicher Folterung umgebracht.

 

Das Mordinstrument von Carolina ist hier Scarpia.

 „Scarpia, eine de Sadesche Figur, ist nicht sadistisch, weil er Polizist ist, sondern Polizist weil er Sadist ist, um sich das Vergnügen zu verschaffen im Leiden und im Hass des begehrten Objekts.“ (Bovier – Lapierre: Tosca – Umsturz in der Oper?)

 

Niemand hat in diesem Stück eine Chance zu entrinnen. Die Fäden haben das Geschehen längst umwoben, noch bevor sich der Opernvorhang geöffnet hat. Das Politische Machwerk, stur und festgefahren, farblos und grausam, zeigt sich hier in seinem schwarzweißen Schema. Die Menschen werden zu Tieren, ohne Gefühl und Verstand. Machthungrige und Mitläufer! Das Machtgebilde wird schon im frühen Kindesalter anerzogen. Sie lernen wie Marionetten zu handeln und zu fungieren und sich gefügig einzuordnen. Eigener Wille und Ideen, Aufbäumen und gegen den Strom laufen hat harte Folgen und die Angst ums nackte Überleben lässt sie leblos und gefühllos werden. Die wahren Gesichter sind hinter Masken verdeckt, die sich nach dem jeweiligen „Überlebensmuss“ richten.

 

Wir haben eiskalte Realität vor uns und doch ist alles unter einem Mantel von Falschheit verdeckt. Die Kirche, eigentlich Ruhepol für Liebe und Glauben, wird ausgenützt und für  machtpolitische Zwecke missbraucht. Auch das „Angelus“ eines doch so sehr nach außen scheinend gläubigen Mesners verdeckt nur den Hass, der in ihm schlummert. Eine Fassade, die sofort bröckelt. Nichts ist Wahrheit. Scarpias bigotte Frömmigkeit wird bloßgestellt durch sein gieriges Bekenntnis „Tosca, mi fai dimenticare Iddio“, das ins Te Deum hineinklingt: Sexuelles und Religiöses vermischen sich.

Auch die Liebe zwischen Tosca und Cavaradossi flüchtet sich in Scheinwelten und hat daher nicht die Kraft dem Terror standzuhalten. Eifersucht und Misstrauen herrschen zwischen ihnen. Tosca, eine Operndiva kennt nur die Sprache der Bühne. Sie lebt in ihren gewaltigen Emotionen und Gefühlsregungen und wird von Ihnen beherrscht. Sie weiß um Ihre Begehrtheit, ihre Leidenschaft. Sie schafft es Traumwelten aufzustellen und sich ihnen hinzugeben. Erst in völliger Verzweiflung, als das „Tier Scarpia“ seine Lust an ihren Tränen und ihrem Hass stillen will, beginnt sie ein klein wenig sich selbst zu finden. Doch nur Augenblicke kann sie die Realität erfassen und die Diva spielt sich und der Umwelt ein neues Schauspiel vor. In ihrer Welt gefangen, blickt sie nicht über die Grenzen und kann das für sie selbst arrangierte „Schauspiel“ nicht durchschauen. So hat Ihre Naivität fatale Folgen, ausgelöst in der nicht gefestigten Liebe.

„...Es ist ein Räuber - und Gendarmspiel, in dem es ihr gelungen ist, den Gendarmen zu übertölpeln. Das kleine Mädchen ist durch List über den Jungen gekommen, der älter ist als sie. Sie wird die Schokolade mit dem kleinen Jungen teilen, der vom Spiel ausgeschlossen war. Du, wollen wir spielen? Und sie spielen. Dort auf dieser antiken Plattform, zu Füssen des Drachens. Sie proben den Tod. Lach nicht, das ist ein ernsthaftes Spiel. Die beiden Kinder lachen voller Unschuld. In aller Unschuld steigt Mario, heimlich platzend vor Lachen die Stufen hinauf, die ihn zum Erschießungsplatz führen. Aber die Kinder wissen es nicht, die Eltern haben das Spiel verfälscht, die Schokolade ist vergiftet. Mario steigt hinauf....“

(Catherine Clement: „La sua voce“)

 

Das Bühnenbild zeigt ein Spinnennetz, von dessen perspektivischen Fluchtpunkt alles abhängt. Nur das Dreieck in der Mitte, die Stufen, die zum Auslöser des Fiaskos führen, hat sich quergestellt. Eigenständig und doch nicht standhaft, schwebt es über dem Boden und schon längst haben die Arme der Spinne auch hierüber Fäden gespannt. Cavaradossi fühlt sich frei, er lebt in einer Welt der Kunst und der Liebe. Er liebäugelt mit dem neuen Freiheitsgedanken, doch stellt er seine Arbeit dem herrschenden Machthabern zur Verfügung. Frauen und Ihre Schönheit, die Natur, die Vollkommenheit der Erschaffung lädt ihn ein zu träumen und die Gefahr der politischen Realität nicht erkennen. Zu spät beginnt er zu begreifen, das perfide Spiel zu durchschauen. Auch da kann er sich dann nur noch in eine Welt der Illusion flüchten, um die letzten Stunden seines Lebens zu ertragen. 

 

Der Hirte im dritten Akt führt noch einmal klar die beiden Welten vor Augen. Die Welt des Friedens, der Gefühle und Hingabe neben der eiskalten Realität des bewegungslosen Mordapparates und Machtgefüges. Durch die Stimme und die Musik getragen versetzt sich Cavaradossi noch einmal in den Traum von unendlichem Frieden und Unbekümmertheit der Kindheit, er sehnt sich nach der Reinheit der Liebe wird aber auch dabei durch die Unaufhaltsamkeit des Dramas immer wieder in die zerstörerische Realität zurückgebracht. Auch die Welt des Scheines kann nicht mehr die Realität übertünchen. Die Spinne ist immer gegenwärtig.

 

Die Oper spielt 1800, doch das Thema bleibt leider immer wieder präsent. Wir müssen nicht durch zeitgenössische Kostüme verdeutlichen, was uns tagtäglich einholt.

Scarpia lebt, auch wenn Tosca ihn getötet hat. Die Spinne hat viele Brutstätten und es werden immer wieder neue Scarpias entstehen. Das Netz zieht sich zu und auch wenn man es zerstört wird es am nächsten Tag wieder aufgebaut sein.