"...Ein Mann kann so alt, so fett, so komisch aussehend, so ungeschliffen, so uncharmant und so anrüchig wie möglich sein; er kann Äderchen auf den Wangen haben, oder die Haare können ihm aus der Nase wachsen, oder eine Augenbraue kann sich über seine ganze Stirne erstrecken; er kann aussehen als wäre er im 12. Monat, oder wie Brackwasser riechen - er wird immer noch jemand finden, der ihn Schätzchen nennt und im Badezimmer seine Socken
vom Fußboden aufhebt. Es ist wirklich eine merkwürdige Welt. Ein kahler, schlabbriger, mürrischer Mann mit 60, der ein mittelmäßiger Liebhaber, ein schlimmer Koch und erbärmlicher Hausmann ist, ein Mann, der Nylonhemden trägt und in dunkler Nacht noch am erträglichsten aussieht, würde es nicht im geringsten für seltsam oder ungewöhnlich
oder auch nur ein bisschen ungerecht von einem fortschrittlichen Standpunkt aus halten, wenn er sich eine 23-Jährige zulegte, die seine Witze lustig, seine Reife sexy, seinen scheußlichen Kleidungsgeschmack und seine Wohnungseinrichtung männlich und seine häusliche Hilflosigkeit rührend fände..." (Serena Gray)

Die Weiber in Windsor sind lustig, sind witzig, gewitzt, lebensklug - und bei diesen Frauen gelangt Sir John Falstaff nicht zu einem Ziel, bei ihnen hilft auch realitätsverleugnende Selbstüberschätzung nichts. Die Frauen sind klüger und durchschauen das Spiel des hoffnungsvollen Liebhabers sehr schnell. Also drehen sie den Spieß um und schlagen den Mann mit ihren weiblichen Waffen.
In diesem Stück nehmen die Frauen das Szepter in die Hand und verpassen der männlichen Eitelkeit einen Denkzettel. Durch ihre listigen Umtriebe zeigt sich die Wahrheit hinter so mancher Fassade und hinter Falstaffs Aufgeblasenheit - und sie haben riesigen Spaß daran. Nichts ist bitterer Ernst, es gibt keinen Hass! Ganz unspektakulär und natürlich machen die Weiber klar, dass sie keine dummen Küken sind, die gackernd nach dem männlichen Glied gieren, sondern dass sie voller Ideen stecken, schalkhaft, witzig sind - und am Ende eben doch die Hosen anhaben, auch wenn das kein Mann wahrhaben will.
Oder sind es doch nicht nur die Frauen, die hier alles bewegen? Gibt es da nicht nebenbei auch noch kleine Wesen, die im Leben etwas mitreden und dabei auch ihren Spaß haben? Das Leben bewegt sich, es ereignet sich, kaum wissen wir, wohin es sich entwickelt. Und was ist Realität, was Spiel? Nehmen wir das Leben als Spiel, lassen wir uns treiben und unseren Spaß
daran haben. Dann wird das Spiel zur Realität.
Die Zeit, in der die "Lustigen Weiber" ihr Wesen treiben, ist nicht wichtig. Wir können uns verkleiden, wir können uns verstellen: im Inneren sind wir doch immer nur wir selbst. Ob wir im 17. oder im 20. Jahrhundert leben - wir sind immer der gleiche Mensch. Doch es macht Spaß sich zu verkleiden, gerne treibt man sein Spiel mit Masken, mit dem Schein; man
versucht, etwas anderes darzustellen als man in Wirklichkeit ist. Manchmal hilft einem die Verkleidung sogar, zu sich selbst zu finden, manchmal aber ist sie auch nur störend. Manchmal jedoch trifft sie genau den verborgenen Wesenszug eines Menschen.
Auch der Ort, an dem die "Lustigen Weiber" ihr Wesen treiben, ist nicht wichtig. Auch hier ist alles scheinbar, jedes Muster ist vergänglich und jede unechte Fassade bröckelt. Der Raum bekommt die Kraft durch das Leben. Es geht um Menschen, um
Charaktere, die miteinander spielen, die sich anziehen und sich abstoßen. Typen, wie sie überall zu finden sind und die uns zeigen dass auch wir uns häufig nicht anders verhalten können, als wir es tun; dass unser Spiegelbild aber, das Theater, uns die Freiheit gibt, über uns selbst zu lächeln, zu schmunzeln, zu lachen - kurz: uns einmal von außen zu betrachten.
Wir, die Zuschauer, müssen keine Lehre aus dem Stück ziehen. Auf der Bühne präsentiert sich die Welt in ihrer Vielfalt. Jede Person versucht, für sich das Beste herauszuholen und verstrickt sich in zahlreiche Fallen und Stricke. Wie angenehm ist es, Beobachter zu sein und zu schmunzeln, wenn der eine oder andere stolpert und auf die Nase fällt.
Doch sind wir nicht auch irgendwo da oben auf der Bühne? Könnten wir nicht auch uns selbst erkennen? Vielleicht. Zunächst aber dürfen wir genießen und über die menschlichen Unzulänglichkeiten lachen. Wir dürfen am großen Spaß Teil haben, indem wir uns vorstellen, selbst dabei zu sein und einfach mal in der großen Kiste wühlen, um unser Kostüm zu finden.